Wenn dem Gewässer das Wasser ausgeht – die Alpenländer im trockenen Sommer

Niedrigwasser wird zur Überlebensfrage für unsere Fische – Fischrettungen sind Notfallmaßnahmen, Lösungen für die Zukunft sind sie nicht. Dr. Nikolaus Medygesy gibt uns Antwort, was mit trocken gefallenen Bächen passiert. Und: Er sieht sogar die Chance für die Wiederkehr heimischer Krebse.

Breite Kiesflächen, schmale Wasserrinnen, aufgeheizte Uferzonen: In diesem Sommer wird an vielen Gewässern sichtbar, was Niedrigwasser tatsächlich bedeutet. Es geht nicht nur um fehlendes Wasser. Für Fische beginnt eine Kettenreaktion: Lebensräume schrumpfen, Rückzugsgebiete verschwinden, die Temperatur steigt – und gleichzeitig wächst der Druck durch Wasserentnahmen, Nutzung und menschliche Eingriffe.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht erst: Wie retten wir Fische aus einem austrocknenden Bach?

Sie muss früher gestellt werden: Wie machen wir unsere Flüsse und Bäche widerstandsfähig genug, damit es gar nicht erst so weit kommt?

Flüsse im sommerlichen Ausnahmezustand in der Alpenregion

Traurig zeigt sich die Situation, als nur ein Beispiel, am Alpenrhein. Ausgerechnet in jener Jahreszeit, in der ein schnee- und gletschergespeister Alpenfluss normalerweise viel Wasser führt, sind große Kiesflächen sichtbar.

Der Alpenrhein ist dabei weit mehr als nur ein großer Wasserlauf zwischen der Schweiz, Liechtenstein und Österreich. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt beschreibt ihn als einen der großen Gebirgsflüsse der Region. Gleichzeitig soll er mit dem grenzüberschreitenden Projekt RHESI nicht nur hochwassersicherer werden, sondern auch als Lebensraum ökologisch aufgewertet werden.

Dass Niedrigwasser längst kein Randthema mehr ist, zeigen auch die offiziellen Messsysteme am Rhein: Im Juli wurden an mehreren Pegeln Niedrigwasserphasen registriert.

Für Fische ist dabei die reine Zahl am Pegel nur ein Teil des Problems.

Weniger Wasser bedeutet weniger verfügbaren Lebensraum. Flache Bereiche erwärmen sich schneller, Verbindungen zu Seitenarmen oder Zuflüssen können abbrechen. Wo Fische früher in kühlere Bereiche ausweichen konnten, entstehen isolierte Restwasserflächen.

Wenn die Schifffahrt Rücksicht auf das Niedrigwasser nehmen muss – auch für das Leben der Fische

Wie konkret die Auswirkungen inzwischen werden, zeigt die österreichische Donau.viadonau hat für zwei Donauabschnitte aufgrund des Niedrigwassers ausdrücklich angeordnet, Sog und Wellenschlag zu vermeiden. Die Einschränkungen gelten vom 28. Juli bis 17. August 2026. Wenn man auf die 16 Tagesprognosen schaut, wird wohl eine Verlängerung unausweichlich sein.

Das mag zunächst wie eine rein schifffahrtstechnische Maßnahme klingen. Ökologisch zeigt sie aber etwas Grundsätzliches: Je weniger Wasser ein Fluss führt, desto empfindlicher werden seine Rand- und Flachwasserbereiche. Gerade dort befinden sich wichtige Lebensräume für Jungfische.

Die Donau zeigt gleichzeitig, wie Lösungen aussehen können. Im LIFE-Projekt WILDisland werden unter anderem flache Kiesufer geschaffen und wellenschlaggeschützte Hinterrinnen entwickelt. Diese sollen typischen Donaufischarten wie Nase und Barbe neue Lebensräume bieten. Es geht also nicht nur darum, Wasser im Fluss zu behalten. Es geht darum, dem Fluss wieder Raum und unterschiedliche Lebensräume zu geben.

Wasserentnahme kann den Unterschied machen

Besonders kritisch wird die Situation an kleinen Flüssen und Bächen.

Das Bayerische Landesamt für Umwelt weist ausdrücklich darauf hin, dass Wasserentnahmen unmittelbar Auswirkungen auf Gewässer haben. Fische und andere Wasserorganismen sind auf bestimmte Temperaturen, Sauerstoffgehalte, Abflüsse und Wasserstände angewiesen.

Deshalb sei eine ökologische Mindestwasserführung zwingend erforderlich. Kleinere Gewässer würden in trockenen und heißen Sommermonaten bereits heute immer häufiger Niedrigwasser führen oder sogar austrocknen.

Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Ein Bach kann viele Belastungen eine Zeit lang verkraften. Aber wenn mehrere Faktoren gleichzeitig auftreten – wenig Niederschlag, hohe Temperaturen, Wasserentnahme, fehlende Beschattung, verbaute Ufer und unterbrochene Wanderwege –, kann aus Niedrigwasser sehr schnell eine ökologische Notlage werden. – Leider ist es in diesem Sommer aus dem KANN ein IST geworden: Hunderte Bäche liegen trocken, die Fauna ist tot.

Wir haben Dr. Nikolaus Medgyesy, den wissenschaftlichten Leiter des RNT befragt: Wie können sich trocken gefallen Bäche erholen – nämlich als Lebensraum für Fische, die jetzt einfach weg sind.

“In erster Linie geht es einmal um Algen und Bakterien, Sie sind der Start der Nahrungskette. Dann kommen die Makrozoobenthen, das sind Insektenlarven, die sich Wasser entwickeln (Eintagsfliegen, Steinfliegen, Mückenlarvenetc…) Sie sind der Start der Nahrungskette für Fische. Wenn es noch feuchte Stellen gibt, wo Insekten ihre Larven abgelegt haben, dann sind die Chancen gut, dass in einem Jahr wieder ein Insektenaufkommen in ausreichender Menge vorhanden ist. Dann erste ist der Weg für die Fische wieder frei, ob für aufsteigende – oder eben Besatz. Man muss ebenso hoffen, dass Gewitter mit Hochwässern den Lauf nicht zerstören.

Es muss sich der Wasserstand auch stabilisieren können, sprich menschliche Barrieren dürfen Laichwanderungen aus den großen Zubringern nicht mehr unterbrechen. Ohne Besatzmaßnahmen mit Bedacht, nämlich einen Staffelbesatz von drei Altersklassen, werden es nach diesem schlimmen Sommer viele kleine Gewässer als Lebensraum für Salmodiden nicht mehr schaffen. Der Aufstieg alleine wird in beschädigten Systemen oft nicht ausreichen.

Kurzum: Die nächsten ein bis zwei Jahre sind Schlüsseljahre für die heimischen Arten in den alpinen Kleingewässern., Nebstbei: Wenn die Erwärmung weiter geht, werden wir zugunsten der Cypriniden die Salmoniden in vielen Gewässern verlieren.

Wo ich einen Chance sehe, ist eine Rennaissance der Flusskrebs und Steinkrebse:

Sie könnten die Nischen belegen, weil sie höhere Temperaturen um 18 Grad brauchen. Krebse legen sich bei Trockenheit Höhlen an und können kritische Phasen überleben. Sie könnten Profiteure dieses Hitzesommers und von lokalen Gewässererwärmungen sein.”

Der beste Fischretter ist ein widerstandsfähiger Bach

Fischrettungsaktionen sind wichtig, wenn Tiere bereits in isolierten Restwasserflächen eingeschlossen sind, aber sie sind die Feuerwehr, nicht die Vorsorge.

Die eigentliche Arbeit muss früher beginnen.

Ein widerstandsfähiger Bach braucht Bäume und Ufergehölze, die ihn beschatten. Er braucht tiefe Kolke, in denen sich Fische bei Hitze zurückziehen können. Er braucht natürliche Ufer, Totholz und unterschiedliche Strömungsbereiche.

Und vor allem braucht er Verbindungen. Wenn Fische bei steigenden Temperaturen nicht mehr in kühlere Seitenbäche oder tiefere Gewässerabschnitte ausweichen können, wird jedes Querbauwerk zum zusätzlichen Problem.

Wie solche Verbesserungen aussehen können, zeigt derzeit beispielsweise ein Projekt am Inn bei Jettenbach in Bayern. Dort wurde ein Nebenarm reaktiviert, vertieft und verbreitert. Totholzstrukturen erhöhen die Strömungsvielfalt und schaffen Unterstände; zusätzlich wurde Kies für Laichplätze eingebracht. Das ist Gewässerschutz, der an den Ursachen ansetzt.

Unsere Flüsse brauchen wieder Reserven

Wir haben Flüsse und Bäche über Jahrzehnte darauf optimiert, Wasser möglichst schnell abzuleiten, Flächen nutzbar zu machen, Energie zu erzeugen oder Hochwasser technisch zu kontrollieren. In Zeiten zunehmender Trocken- und Hitzeperioden brauchen Gewässer aber etwas anderes:

Reserven sind Raum., Schatten, Grundwasseranbindung, Rückzugsgebiete, Durchgängigkeit, Kies, Struktur und genug Wasser, das tatsächlich im Bach bleibt – und nicht im Gewerbe, Pool, Schwimmteich oder in der Kleinstwasserkraft landet. Die Diskussion über Niedrigwasser darf deshalb nicht erst beginnen, wenn die ersten Fische aus einem austrocknenden Gewässer getragen werden müssen.

Denn die beste Fischrettung ist jene, die gar nicht notwendig wird.

Quellen

  • Bundesamt für Umwelt Schweiz (BAFU): Alpenrhein und Projekt RHESI, 7. Mai 2026
  • Bundesanstalt für Gewässerkunde / IKSR: Niedrigwassermonitoring Rhein, Stand Juli 2026
  • viadonau: Fahrwasserinformationen und Niedrigwasser-Anordnungen, 28. Juli 2026
  • viadonau / LIFE WILDisland: Maßnahmen für Kiesufer und geschützte Fischlebensräume
  • Bayerisches Landesamt für Umwelt: Wasserentnahmen aus Oberflächengewässern
  • Wasserwirtschaftsamt Rosenheim: Lebensraumverbesserungen für Fische am Inn
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