Geschichten über Mut, Teil 1: Wenn die Erde zur Eigentümerin wird – Yvon Chouinard

Wir Fischerinnen und Fischer sind zu einem guten Teil auch Umweltschützer. Gerade in Dürrezeiten wie der jetzigen können wir frischen Elan gebrauchen, deswegen beginnen wir eine Serie, die uns allen Mut machen soll: Weiter für die Lebewesen unter Wasser einzustehen. Wir beginnen mit Yvon Chouinard, und streifen dabei auch das Werk von Doug und Chris Tompkins.

Yvon Chouinard hat aus Patagonia mehr als eine erfolgreiche Marke gemacht: ein dauerhaftes Finanzierungsmodell für den Schutz unseres Planeten. Was sein Weg, der Film „Artifishal“, Patagonia Action Works sowie das Lebenswerk von Doug und Kris Tompkins darüber erzählen, was unternehmerisches Kapital für die Gemeinschaft bewirken kann, soll auch Einzelnen und Firmen einen Denkanstoß geben:

Investitionen in den Artenschutz unter Wasser sind Investitionen in unser aller Zukunft.

Mut zeigt sich nicht nur darin, Widerstand zu leisten. Manchmal zeigt er sich in der Entscheidung, die eigenen Möglichkeiten nicht als privaten Besitzstand zu betrachten, sondern als Werkzeug für eine gemeinsame Aufgabe.Aus einem solchen Gedanken heraus gründete der Unternehmer Peter Schröcksnadel 2023 den River and Nature Trust.

Ausgangspunkt war das Verschwinden der heimischen Bachforelle: Für mich als Autor war das in diesem Sommer ein Sprungbrett zu dieser Story: Was geschieht, wenn Menschen Geld, Erfahrung, Reichweite und unternehmerische Kraft bewusst in den Naturschutz investieren?

Eine der radikalsten Antworten darauf hat Yvon Chouinard gegeben.

Der Unternehmer, der keiner sein wollte

Chouinards Geschichte beginnt nicht in einem Sitzungssaal, sondern an Felswänden. Als junger Kletterer fertigte er seine Ausrüstung selbst. In einer kleinen Schmiede entstanden Haken und Werkzeuge, die unter Bergsteigern bald einen ausgezeichneten Ruf hatten. Doch Chouinard erkannte auch, dass ausgerechnet die von seinem Unternehmen verkauften Felshaken sichtbare Schäden an den Kletterrouten hinterließen. Die Reaktion darauf wurde zu einem frühen Muster seines späteren Handelns: Er hielt nicht am erfolgreichen Produkt fest, sondern trieb den Wechsel zu wiederverwendbaren Klemmkeilen und zum „Clean Climbing“ voran.

1973 entstand Patagonia. Was als Bekleidungszweig des Kletterausrüsters begann, entwickelte sich zu einer weltweit bekannten Outdoor-Marke – und zugleich zu einem jahrzehntelangen Experiment: Kann ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein und dennoch seine Verantwortung für die Schäden anerkennen, die jede Produktion verursacht?

Patagonia versuchte darauf nicht mit einem einzigen großen Versprechen zu antworten, sondern mit vielen aufeinanderfolgenden Entscheidungen: langlebigere Produkte, Reparatur statt vorschnellem Neukauf, gebrauchte Bekleidung über Worn Wear, der Umstieg auf weniger schädliche Materialien und eine Unternehmenskultur, die Umweltaktivismus nicht als Imagekampagne, sondern als Teil ihres Auftrags versteht. Perfekt ist das Unternehmen deshalb nicht. Gerade Chouinard selbst hat immer wieder betont, dass auch Patagonia Ressourcen verbraucht und Teil des Problems bleibt. Glaubwürdig wird das Modell nicht durch behauptete Reinheit, sondern durch die Konsequenz, aus dieser Erkenntnis immer neue Verpflichtungen abzuleiten.

Ein Prozent – unabhängig vom Gewinn

Bereits 1985 verpflichtete sich Patagonia, ein Prozent des Umsatzes für den Schutz und die Wiederherstellung der natürlichen Umwelt einzusetzen. Entscheidend ist dabei das Wort Umsatz: Die Unterstützung hängt nicht davon ab, ob am Jahresende ein komfortabler Gewinn übrig bleibt. 2002 gründeten Chouinard und der Fliegenfischer sowie Unternehmer Craig Mathews „1% for the Planet“. Aus der Selbstverpflichtung einer Firma wurde ein Modell, dem sich Unternehmen weltweit anschließen können.

Nach aktuellen Angaben hat Patagonia inzwischen mehr als 240 Millionen US-Dollar an Umweltorganisationen beigetragen. Mehr über 1% for the Planet

„Earth is now our only shareholder“

Im September 2022 ging Chouinard noch einen sehr viel größeren Schritt. Gemeinsam mit seiner Familie übertrug er das Eigentum an Patagonia auf zwei neu geschaffene Konstruktionen. Der Patagonia Purpose Trust hält zwei Prozent des Unternehmens und sämtliche stimmberechtigten Anteile. Er soll darüber wachen, dass Zweck und Werte des Unternehmens erhalten bleiben. Der Holdfast Collective hält die übrigen 98 Prozent und damit den wirtschaftlichen Wert der nicht stimmberechtigten Anteile. Gewinne, die nicht wieder in das Unternehmen investiert werden, fließen als Dividenden an diese Organisation und werden für Natur, Biodiversität, Klimaschutz und starke Gemeinschaften eingesetzt.

Chouinard verkaufte Patagonia also nicht, um anschließend einen Teil des Erlöses zu spenden. Er veränderte die Eigentumsordnung so, dass die wirtschaftliche Kraft des Unternehmens dauerhaft für seinen Zweck arbeiten soll. Sein Brief trägt den Satz, der diese Entscheidung weltweit bekannt machte: „Earth is now our only shareholder.“ Die Erde ist nun unsere einzige Anteilseignerin.

Quelle: eu.patagonia.com

Fische sind keine Produkte

Chouinards Naturschutzverständnis ist eng mit Flüssen und Fischen verbunden. Er ist selbst Fliegenfischer; auch die Idee zu „1% for the Planet“ entstand bei einem gemeinsamen Angeltag mit Craig Mathews am Madison River. Besonders deutlich wird seine Haltung im 2019 veröffentlichten Patagonia-Film „Artifishal“.

Der bewusst positionierte Dokumentarfilm erzählt von Menschen, Flüssen und dem Kampf um die Zukunft wild lebender Fische. Im Mittelpunkt stehen Wildlachse und die Frage, ob technische Ersatzlösungen – Fischzucht, Besatzprogramme und offene Aquakulturen – den Verlust intakter Lebensräume tatsächlich ausgleichen können. „Artifishal“ kritisiert die Vorstellung, Natur ließe sich industriell reproduzieren, nachdem Flüsse verbaut, Wanderwege unterbrochen und natürliche Bestände geschwächt wurden. Die Botschaft ist unbequem: Die beste Fischzuchtanlage ist kein Ersatz für einen gesunden Fluss – sie ist sein Untergang, wenn Spezies aus den Farmen entwichen.

Der Film ist auch deshalb wichtig, weil er den Blick verschiebt. Fische erscheinen darin nicht als Produktionsmenge oder Besatzstatistik, sondern als Wildtiere, deren genetische Vielfalt, Wanderungen und Überlebensstrategien über Jahrtausende entstanden sind. Naturschutz bedeutet in dieser Perspektive, der Natur wieder mehr Eigenständigkeit zuzutrauen – und Flüsse so zu schützen, dass sich wild lebende Bestände aus eigener Kraft erhalten können.

Aus Kundinnen und Kunden werden Mitwirkende

Geld allein entscheidet allerdings nicht darüber, ob eine Bewegung wächst. Kleine Umweltorganisationen brauchen ebenso Aufmerksamkeit, Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Fachkenntnisse und Zugang zu neuen Netzwerken. Genau hier setzt Patagonia Action Works an.

Die Plattform verbindet Menschen mit Umweltgruppen, die Patagonia unterstützt. Interessierte können Organisationen in ihrer Region finden, Veranstaltungen besuchen, Petitionen unterzeichnen, Geld spenden oder ihre beruflichen Fähigkeiten ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Unterstützt werden Initiativen zu Land, Wasser, Klima, Biodiversität und Umweltgerechtigkeit. Patagonia setzt damit nicht nur Kapital ein, sondern auch das, was für eine bekannte Marke mindestens ebenso wertvoll ist: Reichweite, Vertrauen, Technologie und die Beziehung zu ihrer Community.

Patagonia Action Works zeigt, wie aus der Kundschaft einer Firma eine Gemeinschaft handelnder Menschen werden kann. Patagonia Action Works kennenlernen

Doug und Kris Tompkins: Aus Vermögen werden Nationalparks

Ein zweites großes Lebenswerk ist eng mit derselben Welt aus Outdoor-Sport, Unternehmertum und Naturverbundenheit verbunden. Douglas „Doug“ Tompkins war Mitgründer von The North Face und Esprit. Kristine „Kris“ McDivitt Tompkins führte Patagonia viele Jahre als CEO. Anfang der 1990er-Jahre verließen beide die operative Unternehmenswelt und widmeten ihr Leben dem großflächigen Naturschutz in Chile und Argentinien.

Ihr Ansatz war ebenso einfach wie kühn: bedrohte oder ökologisch beschädigte Flächen erwerben, sie sichern und wiederherstellen, Infrastruktur für Besucherinnen und Besucher schaffen und die Gebiete schließlich gemeinsam mit den Staaten in dauerhaft geschützte Nationalparks überführen. Dabei ging es nie nur um Landbesitz. Zäune wurden entfernt, überweidete Flächen regeneriert, Lebensräume wieder verbunden und verschwundene oder bedrohte Arten zurückgebracht. In den Iberá-Feuchtgebieten Argentiniens zählen dazu unter anderem der Große Ameisenbär, der Pampashirsch, der Jaguar und der Grünflügelara. In Chile stehen vollständige Ökosysteme und Arten wie der Huemul-Hirsch im Mittelpunkt.

Aus privaten Mitteln wurde auf diese Weise öffentliches Naturerbe. Tompkins Conservation und seine Partnerorganisationen wirkten an der Schaffung oder Erweiterung von 15 Nationalparks mit – darunter zwei Meeresnationalparks. Nach Angaben der Organisation wurden dadurch rund 14,8 Millionen Acres Land und 30 Millionen Acres Meeresfläche geschützt. Allein in Chile spendete Tompkins Conservation mehr als 1,2 Millionen Acres Land; zusammen mit angrenzenden staatlichen Gebieten entstanden Schutzlandschaften von enormer Größe.

Doug Tompkins starb 2015 nach einem Kajakunfall in Patagonien. Kris Tompkins führte das gemeinsame Werk weiter. Darin liegt eine weitere Dimension von Mut: nicht nur ein Projekt zu finanzieren, sondern Strukturen aufzubauen, die größer werden können als ihre Gründer – und die der Allgemeinheit dauerhaft gehören.

Nicht jede Firma muss verschenkt werden. Aber jede kann beginnen.

Yvon Chouinard hat eine ganze Firma auf den Schutz unseres Planeten ausgerichtet. Doug und Kris Tompkins verwandelten große Teile ihres Vermögens in Nationalparks und wiederhergestellte Lebensräume. Solche Entscheidungen sind außergewöhnlich. Sie dürfen jedoch nicht zur bequemen Ausrede für alle anderen werden: Wir können nicht so viel tun, also tun wir gar nichts.

Unternehmerischer Beitrag beginnt nicht erst bei Millionenbeträgen.

Eine Company kann einen festen Anteil ihres Umsatzes für die Natur reservieren. Sie kann eine Umweltorganisation über mehrere Jahre verlässlich unterstützen, statt nur einmal zu spenden. Sie kann Kommunikationsleistung, Rechtsberatung, IT, Filmproduktion, Räume, Fahrzeuge oder Arbeitszeit zur Verfügung stellen. Sie kann ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbinden, Spenden verdoppeln und ihre Reichweite dafür einsetzen, kleinen Initiativen eine größere Stimme zu geben.

Das Kapital einer Firma besteht schließlich nicht nur aus Geld. Es besteht aus Wissen, Beziehungen, Infrastruktur, Glaubwürdigkeit und der Fähigkeit, Menschen zu mobilisieren. Wenn ein Unternehmen einen Teil davon konsequent für die Gemeinschaft einsetzt, kann aus wirtschaftlichem Erfolg ökologische Wirkung entstehen.

An dieser Stelle dürfen wir als River and Nature Trust die Kooperation mit der Privatbrauerei Stiegl anführen

Sie finanziert und war im Mai 2026 auch Gastgeber des Events “Tag der Bachforelle”. In der zweiten Auflage, im Stiegl – Gut Wildshut, wurde mit Reinfried Herbst wieder ein neuer Botschafter des RNT ernannt. Stiegl in personam Henrich Dieter und Alessandra Kiener machen es möglich, dass sich die Stakeholder der Fischerei in in Österreich gemeinsam mit Medien treffen, um für die bedrohten heimischen. Fischarten zu sprechen.

Der größte Schritt muss nicht der erste sein. Aber der erste Schritt muss verbindlich sein. Vielleicht beginnt unternehmerischer Mut genau dort: bei der Entscheidung, in den Umwelt- und Artenschutz zu investieren.

Titelbild: Credit Tim Davis

Text Christoph Mahdalik

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