Die Studie des RNT mit der BOKU Wien und Dr. Kurt Pinter im Interview.
Österreichs Flüsse stehen unter massivem Druck. Verbauung, Wasserkraft, Klimaerwärmung und Lebensraumverlust haben viele Fischbestände geschwächt. Eine neue Studie der BOKU University im Auftrag des River and Nature Trust untersucht nun erstmals österreichweit bis zum Sommer 2027 welche zusätzliche Rolle Kormoran, Fischotter und Gänsesäger spielen – und ab wann Gegenmaßnahmen notwendig werden.
Mehr als die Hälfte der österreichischen Fließgewässer befindet sich in einer schlechteren ökologischen Zustandsklasse als „gut“. 85 Prozent der ursprünglichen Flussauen sind verloren gegangen. Gleichzeitig gelten bereits 62 Prozent der heimischen Fischarten als ausgestorben oder bedroht.
Diese Zahlen stellte Dr. Kurt Pinter vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der BOKU University am 26. Mai 2026 beim Tag der Bachforelle im Stiegl-Gut Wildshut vor. Pinter präsentierte dabei gemeinsam mit Lara Kannegieser, Rebecca Tibbets und Günther Unfer erstmals den methodischen Ansatz einer neuen österreichweiten Studie.
Ihre zentrale Frage ist ebenso einfach wie politisch brisant:
Wie viel Prädation können unsere Fischbestände überhaupt noch aushalten?
Viele Belastungen wirken gleichzeitig
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betrachten Prädatoren nicht isoliert. Denn der Rückgang der Fischbestände hat nicht nur eine Ursache.
Von den insgesamt 8.355 Kilometern größerer Flüsse in der österreichischen Kulturlandschaft werden laut den präsentierten Daten 47 Prozent für die Wasserkraft genutzt. 5.765 Kilometer sind reguliert. Im Durchschnitt befindet sich in den heimischen Flüssen ein Querbauwerk pro Kilometer. Selbst bei großen Flüssen wird der freie Lauf durchschnittlich alle 3,6 Kilometer unterbrochen.
Dazu kommen Wasserentnahmen, Schifffahrt, Urbanisierung, steigende Wassertemperaturen und klimatische Veränderungen. Laichplätze verschwinden, Migrationsrouten werden unterbrochen und wichtige Rückzugsräume für Jungfische gehen verloren.
Für viele Fischpopulationen bedeutet das: Sie müssen mit weniger geeigneten Lebensräumen auskommen, was die Bestandsdichten reduziert und sie können sich nach Verlusten immer schlechter erholen – ihre Resilienz ist geschwächt.
Wenn zusätzlicher Druck auf geschwächte Bestände trifft
Genau an diesem Punkt setzt die neue Studie an. Kormoran, Fischotter und Gänsesäger treffen heute vielerorts nicht mehr auf ökologisch stabile Fischbestände, sondern auf Populationen, die bereits durch Gewässerverbauung, Wasserkraft und Klimawandel unter Druck stehen.
Wie groß die Auswirkungen sein können, zeigt ein Beispiel aus der Traun: Dort kam eine Untersuchung zum Ergebnis, dass fast jede zweite Äsche vom Kormoran gefressen wird. Dieser Befund kann nicht pauschal auf alle österreichischen Gewässer übertragen werden. Er zeigt aber, welche Dimension der Prädationsdruck unter bestimmten Bedingungen erreichen kann.
Auch die langjährige Entwicklung der Äschenbestände an der Drau verdeutlicht, wie schwierig die Ursachenanalyse ist. Regulierungsmaßnahmen, erste Renaturierungen, das Auftreten des Kormorans und spätere LIFE-Renaturierungsprojekte überlagern einander. Verbesserungen des Lebensraums führen daher nicht automatisch zu einer dauerhaften Erholung, wenn gleichzeitig andere Belastungen bestehen bleiben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Lebensraumverlust oder Prädation für den Rückgang verantwortlich sind. Entscheidend ist, wie stark die einzelnen Faktoren zusammenwirken.
Fischbestände und Prädatoren werden gemeinsam untersucht
Die Studie soll langfristige Veränderungen der Fischpopulationen analysieren und diese mit dem jeweiligen Zustand der Gewässer in Beziehung setzen. Berücksichtigt werden dabei der Belastungsgrad des Lebensraums, klimatische Veränderungen und Verschiebungen in der Zusammensetzung der Fischarten.
Parallel dazu werden die Bestandsentwicklung und die räumliche Ausbreitung der Prädatoren untersucht. Auch ihr Nahrungsbedarf soll beschrieben und den vorhandenen Fischbeständen gegenübergestellt werden.
Neben bundesweiten Trends sind vertiefende Fallstudien an vier sehr unterschiedlichen Gewässersystemen vorgesehen:
- an der Drau,
- an der Tiroler Ache,
- an der Großen Mühl,
- und an der Ybbs.
Damit soll sichtbar werden, ob und wie stark sich der Prädationsdruck je nach Gewässertyp, Lebensraumqualität und Zusammensetzung der Fischbestände unterscheidet.
Ab wann ist Regulierung notwendig?
Die Studie soll nicht bei einer Bestandsaufnahme stehen bleiben. Sie soll auch Grundlagen für konkrete Entscheidungen liefern.
Wo ist eine Sanierung des Flussraums besonders dringend? Wo müssen Laichplätze, Jungfischhabitate und Rückzugsräume wiederhergestellt werden? Und wo reicht die Verbesserung des Lebensraums allein nicht mehr aus, weil der Prädationsdruck eine natürliche Erholung gefährdet oder verhindert?
Damit berührt das Forschungsprojekt eine Debatte, die bisher häufig sehr emotional geführt wird. Auf der einen Seite stehen streng geschützte Tierarten, auf der anderen Seite Fischpopulationen, die teilweise selbst hochgradig gefährdet sind.
Ein Gamechanger für die Anliegen der schwer bedrohten Fische?
Die Fertigstellung der Studie ist für Juni 2027 geplant. Ihre Ergebnisse könnten eine wichtige Grundlage dafür schaffen, Renaturierungsmaßnahmen gezielter einzusetzen und dort, wo es wissenschaftlich begründet ist, auch ein regional differenziertes Management von Kormoran, Fischotter und Gänsesäger zu ermöglichen.
Die neue Studie soll diese Diskussion auf eine belastbare Datengrundlage stellen. Ihr Ziel ist es, erstmals für Österreich zu bestimmen, wie stark fischfressende Prädatoren zur kritischen Situation der Fischbestände beitragen und welches Ausmaß an Prädation ökologisch noch vertretbar ist.
Es geht um die Balance der Arten
Der Ansatz ist bewusst umfassend: Gesunde Flüsse brauchen intakte Lebensräume, freie Wanderwege, ausreichend Wasser, geeignete Temperaturen und eine vielfältige Tierwelt. Doch ökologische Balance entsteht nicht automatisch, wenn sich einzelne Arten stark ausbreiten, während andere Bestände immer weiter zurückgehen.
Für den River and Nature Trust ist die Studie deshalb ein wesentlicher Schritt zu einem sachlichen und wirksamen Artenschutz. Denn Schutz kann nicht bedeuten, nur einzelne Arten zu betrachten. Er muss das gesamte Gewässersystem und die Überlebensfähigkeit seiner Fischpopulationen einbeziehen.
Wir haben den Studienleiter Dr. Kurt Pinter zu den wesentlichen Herausforderungen der Studie befragt:
1. Herr Dr. Pinter, die Fischbestände werden gleichzeitig durch Gewässerverbauung, Wasserkraft, Klimawandel und Prädatoren belastet. Wie können Sie wissenschaftlich unterscheiden, welcher Anteil des Rückgangs tatsächlich auf Kormoran, Fischotter oder Gänsesäger zurückzuführen ist?
Pinter: Eine eindeutige Trennung der einzelnen Einflussfaktoren ist nur eingeschränkt möglich, aber wir werden uns so gut es geht annähern. Genau deshalb arbeiten wir mit einer sehr umfangreichen Datengrundlage und betrachten die Entwicklung der Fischbestände über längere Zeiträume, über verschiedene Gebiete und unter unterschiedlichen ökologischen Rahmenbedingungen. Wir untersuchen beispielsweise, ob sich Bestandsentwicklungen zwischen Gewässern mit unterschiedlicher Lebensraumqualität und unterschiedlichem Prädationsdruck unterscheiden und ob zeitliche Veränderungen der Prädatorenbestände mit Veränderungen der Fischbestände zusammenfallen.
Zusätzlich werden vertiefende Fallstudien durchgeführt, für die wesentlich detailliertere Informationen zur Entwicklung der Fisch- und Prädatorenbestände vorliegen. Diese Fallstudien sollen uns dabei helfen den Einfluss der Prädatoren besser zu verstehen, um so die Entwicklungen auf österreichsicher Ebene einordnen zu können.“
2. Eines der Ziele Ihrer Studie ist es, einen „vertretbaren Prädationsdruck“ zu bestimmen. Kann es dafür österreichweit gültige Schwellenwerte geben, oder braucht es je nach Gewässer, Fischart und Lebensraumqualität unterschiedliche Maßstäbe?
“Unser Ziel ist nicht die Ableitung einer einzelnen Zahl für ganz Österreich sondern vielmehr die Identifikation von Größenordnungen und Rahmenbedingungen, unter denen Prädation populationsökologisch relevant oder kritisch ist. Wir müssen eine Gebietskulisse schaffen, für die beschrieben wird welche Fischbestände dringend schützenswert sind und wie sich deren Schutz auf das Gewässersystem auswirken kann. Die unbefriedigende fischökologische Situation verlangt nach einem Fahrplan für die Sanierung der Fischbestände. Dazu müssen Lebensraumverbesserung, die Reduktion anderer Belastungen und auch das Management des Prädationsdrucks aufeinander abgestimmt werden.“
3. Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, wenn die Studie zeigt, dass sich bedrohte Fischbestände trotz Renaturierung wegen eines zu hohen Prädationsdrucks nicht mehr selbstständig erholen können?
“Der erste und wichtigste Schritt muss sein, in den Dialog mit den anderen Interessensvertreter:innen zu gehen, um Bewusstsein für die Situation zu schaffen, um den Austausch zu pflegen und um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Die mangelnde Erholung von Fischbeständen ist nicht nur das Problem der Fischerei, sondern eine Thematik, die den Naturschutz adressiert aber auch die gesamte Gesellschaft. Schließlich geht es um den Zustand der Ökosysteme und der darin lebenden Organismen sowie auch um die Aufrechterhaltung der fischereilichen Nutzung. Demgemäß müssen diese Ergebnisse auch unter Einbeziehung aller relevanten Interessenvertreter:innen diskutiert werden und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.”
Bei der Suche nach Lösungen muss die Verbesserung der Gewässerlebensräume im Zentrum der Maßnahmen bleiben. Wenn sich jedoch abzeichnet, dass Lebensraum verbessernde Maßnahmen nicht ausreichen oder nicht möglich sind und Prädation die Erholung bestimmter Fischpopulationen wesentlich einschränkt bzw. eine fischereiliche Nutzung verhindern, ist zu entscheiden, welche zusätzlichen Maßnahmen erforderlich und fachlich vertretbar sind. Dazu muss meiner Ansicht nach auch ein gezieltes, räumlich differenziertes Prädatorenmanagement gehören. Ein solches Management ist nicht als Gegensatz zum Naturschutz zu verstehen, sondern als Teil eines umfassenden Arten- und Ökosystemschutzes. Wir kennen das aus anderen Bereichen, wie etwa dem Schalenwildmanagement oder dem Managment von Füchsen oder Krähen. “
Wir bedanken uns bei Dr. Kurt Pinter für das Interview und bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser für Ihr Interesse.

