Wir erzählen hier eine Geschichte, die klein ist. Ein kleiner Bach in Tirol, eine kleine Biberkolonie, eine Kleinigkeit für Beamte, die ihrer Aufgabe nachgehen. Leider gibt es verhärtete Fronten: Hier der Naturschutz für die Biber – dort die Fischereibeauftragten, deren Bäche und Flüsse vor Problemen stehen, die groß, wie noch nie sind. Und so kommt es in diesem Fall, dass es am Ende nur Verlierer gibt. Es ist das Ende einer Kinderstube für Bachforellen.
Diese Art von alarmierenden Geschichten eines Scheiterns passieren zigfach in Österreich, nämlich überall dort, wo der Artenschutz einseitig ist und nicht auf Fakten und Dialog passiert.
Und damit wird aus einer kleinen Geschichte ein großes Problem, das auf Lösung wartet.
Es gibt Gewässer, die auf Karten unscheinbar wirken und ökologisch doch eine große Rolle spielen. Der Kapellenbach im Bereich Kössen ist so ein Gewässer. Ein kleiner Bach, ein Nebensystem der Tiroler Ache, ein Aufwuchsraum. Hier konnten junge Bachforellen aufkommen, bevor sie später in die Großache abwanderten. Für ein großes Flusssystem sind solche Seitengewässer keine Nebensache. Sie sind der Ort, an dem die Zukunft der heimischen Arten entschieden wird.
Der River and Nature Trust hat den Kapellenbach in den vergangenen Jahren wissenschaftlich begleiten lassen.
Unter der Leitung von Dr. Nikolaus Medgyesy wurde untersucht, warum sich die Bestände der Bachforelle in diesem Abschnitt dramatisch verändert haben. Schon die ersten Ergebnisse waren alarmierend.
Einerseits zeigte der Bach eine bemerkenswerte Artenvielfalt. Andererseits waren die adulten Bachforellen innerhalb kurzer Zeit praktisch verschwunden. In der Befischung vom November 2024 wurde sichtbar, dass zwar Jungfische vorhanden waren, der Bestand erwachsener Bachforellen aber massiv eingebrochen war. Bereits damals stand der Kapellenbach unter großem Druck, nämlich jenem der Prädatoren.
Seither hat sich die Lage weiter verschärft. Biber haben im Kapellenbach mehrere Querbauwerke errichtet. Erst eines, zum Ende waren es sechs Dämme, auch durch Neubauten des migrierten Nachwuchses. Diese Dämme haben den Bach verlangsamt, den Abfluss verändert und in Teilbereichen zu verstärkter Sedimentation geführt.
Unglaublich aber wahr: Bei der letzten Zählung wurden sogar Aale gemonitort.
Ein Biberdamm ist nicht überall dasselbe. In einer breiten Auenlandschaft kann er Wasser zurückhalten, Feuchtlebensräume schaffen und Abflussspitzen dämpfen. In einem engen, sensiblen Bachsystem, das als Salmoniden-Kinderstube funktioniert, kann derselbe Eingriff Laichplätze verschlammen, Wanderräume unterbrechen, Temperatur- und Sauerstoffverhältnisse verschlechtern und die Lebensraumfunktion massiv verändern.
Aus einem dynamischen, kiesgeprägten Salmonidengewässer wurde abschnittsweise ein gestautes, verschlammendes System.
Für Fischarten wie die Bachforelle ist das ein zentraler Unterschied. Sie braucht kühles, sauerstoffreiches, gut durchströmtes Wasser und funktionierende Kiesstrukturen für Laich und Jungfischentwicklung. Wo Strömung fehlt und Feinsediment die Kieslücken füllt, gehen genau diese Lebensräume verloren.
Bereits Mitte 2025 wurde ein Ansuchen zur Entfernung der Biberdämme im Kapellenbach eingebracht, Auch der Hochwasserschutz des Sportplatzes und einer Siedlung waren Gründe für den Wunsch nach einer kompletten Entfernung.
Dem wurde in einem Gutachten des Landes widersprochen wurde, eben weil der Naturschutz (Biberschutz) damit nicht im Einklang zu bringen war. Die Zeit begann zu laufen, die Bemühungen der Fischerei gingen weiter durch Einschaltung anderer Sachverständigen und von Juristen.
Es wurde, durchaus mit dem Recht Hybridlösungen ins Spiel gebracht, wie ein teilweise oder temporäre Entfernung, Verrohrungen usw. Und wieder vergeht Zeit, es entstehen neue Dämme, die Verschlammungen steigern sich, der Winter ist schneearm, der Wasserstand für Salmoniden grenzwertig.


Dann kam das trockene Frühjahr hinzu. Wenig Wasser, hohe Verdunstung, geringer Durchfluss. Für einen Bach, der bereits durch mehrere Dämme der Biber, Sedimentation und veränderte Strömungsverhältnisse geschwächt ist, kann eine Trockenphase zum Kipppunkt werden.
Dessen ungeachtet, mahlen die Mühlen der Behörde, beständig, aber zu langsam.
Mittlerweile sind Wasserbau, Naturschutz und die Rechtsabteilung zur Dokumentation dieses Geschehens seitens des Landes befasst, auf der anderen Seite stehen Schröcksnadel und die Großachengemeinschaft. In einem neuerlichen Gutachten, circa 1,5 Jahre nach Beginn des Verfahrens Jahr nach der ersten Eingabe kommt man wiederum zu einem Kompromissvorschlag, der dem Kapellenbach, einem klassischen Zubringer der Äschenregion, einst auch Heim kapitaler Bachforellen, jegliche Zukunftschance nimmt.
Die Entscheidung hat uns die Natur und der trockene Sommer abgenommen. Der Kapellenbach wurde Schritt für Schritt aus dem Gleichgewicht gebracht
Nach Einschätzung von Peter Schröcksnadel ist der Kapellenbach heute kaputt, die Fotos sprechen Bände, er erreicht zur Zeit nicht die Ache Er kann seine Funktion als Kinderstube für die jungen Bachforellen der Tiroler Ache nicht mehr erfüllen. Damit endet nicht nur eine wissenschaftliche Beobachtung. Es endet, zumindest vorerst, die Hoffnung auf ein kleines Gewässer, das einen Beitrag zur Stabilisierung eines größeren Salmonidensystems leisten konnte. Ebenfalls weg: Die Biberfamilie.
Übrig bleibt ein Rinnsal und vertrocknete Querbauten.
Erst der Verlust der adulten Bachforellen durch Prädatoren. Dann die strukturelle Veränderung durch mehrere Biberdämme. Dann die Versandung sensibler Bereiche im Verbund mit einem trockenen Frühjahr. Der River and Nature Trust sieht darin auch ein menschliches und administratives Versagen, denn die zuständigen Stellen wurden frühzeitig auf die Entwicklung aufmerksam gemacht. Der Biberbeauftragte des Landes habe auf Warnungen nicht in der notwendigen Konsequenz reagiert beziehungsweise die Sorgen aus Sicht des RNT abgetan, die Mühlen des Landes mahlen zu langsam, die Natur kann keine Rücksicht auf sie nehmen.
Der Kapellenbach zeigt, wie schwierig Artenschutz wird, wenn er nicht als Ausgleich verschiedener Schutzgüter verstanden wird – doch es gäbe Lösungen.
Der Biber ist eine streng geschützte Art. Seine Rückkehr ist grundsätzlich ein Erfolg des Naturschutzes. Aber Schutz darf nicht bedeuten, dass jede Wirkung an jedem Ort automatisch akzeptiert wird. Wo ein einzelnes geschütztes Tier oder eine lokale Biberaktivität ein ökologisch wertvolles Fischgewässer, Laichplätze, Jungfischhabitate oder Siedlungssicherheit gefährdet, braucht es Management und fachliche Balance.
Richard Schwarzenberger, Limnologe und profunder Kenner der Situation an der Großache, regt Lösungen an.
Er zeichnet als Planer für ein Vorzeigeprojekt, das seit einigen Jahren fertig gestellte Bioptop verantwortlich, welches sich bei der Einmündung der Kohl in die Ache befindet: Die renaturierte Fläche von ca. 2 Hektar ist Heimat für Fische, Biber und ein Freizeitparadies für Spazierende, gleichzeitig auch Hochwasserschutz für Siedlungen und Gewerbe.
Er meint, dass kleine, hochsensible Gewässer, wie eben der Kapellenbach Vorrang im Naturschutz haben müssen, damit sie ihre angestammte Funktion als Laichgebiet für Salmoniden erfüllen können. Er weist auch auf erfolgreiche Feldversuche hin, wie am Völser Giessen, in dem die Fischpassierbarkeit im Rahmen eines Pilotprojektes umgesetzt wurde oder auf sogenannte „Pond Leveler“, Lösungen mit Durchzugsrohren für wandernde Fisch durch Biberbauten.
Seine Meinung: Der Kapellenbach wäre durch seine ursprüngliche Funktion als Versorger der Ache als Salmonidengewässer in jedem Fall als besonders schutzwürdig zu betrachten.
Was laut Schwarzenberger wichtig wäre: Durch sogenannte Best Practice Beispiele wie eben das Kössener Biotop und durch einen besseren Dialog der Fisch & Biberschützer sollte die Entscheidungsgrundlage für Behörden klarer werden.
Aus bedingungslosem Schutzeiner Art müsste ein Bibermanagement entstehen, welches das Interesse der Fische, der Biber, der Siedler, der Infrastruktur unter einem Hut bringt.
Das Fazit des River and Nature Trust: Wir sprechen in Österreich von einer Kulturlandschaft, die wir Menschen wesentlich beeinflussen können – und im Sinne der Balance der Arten auch nachhaltig gestalten müssen. Der Kapellenbach war ein kleines Gewässer mit großer Bedeutung. Heute steht er als Mahnung: Schutz braucht Maß, Verantwortung und rechtzeitiges Handeln.





