Wer Bachforellen und andere heimische Fischarten schützen will, muss ihre Lebensräume wieder verbinden. Ein Forschungsprojekt der Schweizer Eawag macht sichtbar, wie Fische Flüsse tatsächlich nutzen – und wo ihre Wanderungen an Grenzen stoßen.
Wir müssen wissen, welche Arten sie überwinden können, wann sie wandern und welche Ausweichmöglichkeiten bestehen. Genau hier setzt das Eawag-Projekt „Klimawandel und Fischbewegungsmuster“ an. Im Schweizer Rhein-Aare-Flussnetz untersucht das Forschungsteam über mehrere Jahre, wie Fische auf Barrieren und veränderte Umweltbedingungen reagieren.
751 Fische geben Einblick in eine verborgene Welt
Wie die Eawag im September berichtet, wurden im Vorjahr 751 Fische aus 13 Arten mit akustischen Sendern markiert. Unterwasserempfänger in Rhein, Aare, Thur und Reuss registrieren ihre Signale. Die Forschenden installierten in den letzten zwei Jahren an den Plastikrohre, in denen sie Unterwassermikrofone, sogenannte Hydrophone platzierten. Die Rohre reichen bis zwei Meter ins Wasser. Die Hydrophone selbst sind nur etwa so gross wie eine Thermosflasche. So lassen sich Aufenthaltsorte und Bewegungen nachvollziehen. Das vom Schweizer Bundesamt für Umwelt unterstützte Projekt ist in das European Tracking Network eingebunden und ermöglicht damit auch grenzüberschreitende Beobachtungen, sogar bis in die Niderlande. Die Infrastruktur in der Schweiz kann aber auch von den Kantonen und privaten Ökobüros genutzt werden.
Die ersten Auswertungen zeigen große Unterschiede: Karpfen bewegen sich über weite Bereiche, Schleien bleiben eher an einem Standort. Selbst innerhalb einer Art verhalten sich Tiere unterschiedlich. Manche Welse legen kilometerweite Strecken zurück, andere wurden über Monate am selben Empfänger registriert.
Auch die Annahme regelmäßiger saisonaler Wanderungen wird überprüft. Solche Muster könnten seltener sein als erwartet; ein möglicher Einfluss der jahrzehntelangen Verbauung ist noch zu untersuchen. Für belastbare Schlussfolgerungen braucht es mehrere Beobachtungsjahre. Die bisherigen Befunde sind daher ein Zwischenstand, kein abschließendes Urteil.
Was wir daraus für unsere Flüsse in Österreich mitnehmen
Für den RNT liegt der Wert dieses Ansatzes in einer Kernfrage: Kommen Schutzmaßnahmen bei den Fischen an?
Bei einem Durchgängigkeitsprojekt sollte der Erfolg daran gemessen werden, ob die betroffenen Arten die neu verbundenen Lebensräume tatsächlich erreichen und nutzen. Bei einer Renaturierung interessiert, ob sich neben der Gewässerstruktur auch die Bedingungen für Fortpflanzung und Nachwuchs verbessern. Und bei einem sommerlichen Rückzugsraum muss der Zugang auch dann funktionieren, wenn wenig Wasser fließt.
Daraus ergibt sich für unsere Arbeit eine klare Konsequenz: Beobachtung und Erfolgskontrolle gehören von Beginn an zur Planung. Welche Daten brauchen wir vor einem Eingriff? Woran erkennen wir danach eine Verbesserung? Und wann müssen wir nachjustieren? Nicht jedes Projekt benötigt ein aufwendiges Sendernetz. Entscheidend ist, dass die Untersuchungsmethode zur Frage passt.
Die Schweizer Forschung bietet dafür eine wertvolle Referenz. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht pauschal auf jeden österreichischen Bach oder Fluss übertragen. Wohl aber zeigt sie, wie wichtig es ist, Gewässer aus der Perspektive ihrer Bewohner zu betrachten.
Telemetrische Projekte der BOKU Wien in Österreichs Gewässern arbeiten seit Jahren an erfolgreichen Erkenntnissen zu Bewegung der heimischen Arten unter Wasser, für die Drau sind ähnliche Maßnahmen in Kooperation mit dem RNT geplant. Wir wollen Flüsse, in denen Fische ihren Lebensraum nutzen und wieder Nachwuchs hervorbringen können. Dafür müssen wir ihre Wege kennen – und dort handeln, wo diese Wege versperrt sind.
Quelle: Eawag-Beitrag „Den Schweizer Flussfischen auf der Spur“.

