Griechenland jagt den Hasenkopf-Kugelfisch – und Europa muss beim Kormoran genauer hinsehen.
Griechenland hat eine Entscheidung getroffen, die im Naturschutz lange als unbequem galt: Eine Art, die ein Ökosystem massiv unter Druck setzt, wird nicht nur beobachtet, sondern aktiv reguliert. Für den giftigen Hasenkopf-Kugelfisch, der aus dem Indopazifik über den Suezkanal ins Mittelmeer eingewandert ist, erhalten Fischerinnen und Fischer künftig eine Prämie. Pro Kilo sollen 5,33 Euro bezahlt werden. Das Ziel ist klar: Die invasive Art soll eingedämmt werden, weil sie heimische Arten frisst, Netze beschädigt und durch ihr Gift auch für Menschen gefährlich werden kann.
Der Fall ist mehr als eine Meldung aus Griechenland. Er zeigt ein Prinzip: Wenn eine Art aus dem Gleichgewicht gerät und heimische Ökosysteme unter Druck setzt, darf Naturschutz nicht bei Beobachtung und Appellen stehenbleiben. Dann braucht es Management. Und genau diese Frage stellt sich auch an Österreichs Flüssen – besonders dort, wo heimische Fischbestände trotz Renaturierung und neuen Maßnahmen zur Durchgängigkeit nicht zurückkehren.
Die Drau zeigt das Dilemma, Kormorane brauchen Management
An der Oberen Drau wurde über Jahrzehnte in Lebensraumverbesserung investiert. Der Fluss wurde abschnittsweise aufgeweitet, Seitenarme wurden revitalisiert, Strukturen geschaffen, die eigentlich wieder mehr Leben ermöglichen sollten. Die Drau gilt nicht ohne Grund als großes Revitalisierungsprojekt Österreichs.
Und doch bleibt eine entscheidende Frage offen: Warum kehren sensible Fischarten wie Äsche, Nase oder Huchen nicht in jener Stärke zurück, die man sich von einem lebendigeren Fluss erwarten würde?
Genau hier setzt das Projekt an der Oberen Drau an. Ein EU-Projekt wird klären, ob die wachsende Kormoran-Population ein wesentlicher Faktor für die ausbleibende Erholung der Fischbestände ist. An einzelnen Tagen wurden bis zu 80 Kormorane gezählt. Bei einem täglichen Nahrungsbedarf von rund 400 bis 500 Gramm Fisch pro Vogel ergibt das eine theoretische Entnahme von 32 bis 40 Kilogramm Fisch pro Tag – an einem ohnehin sensiblen Flussabschnitt.
Das ist keine Kleinigkeit. Über einen Winter entsteht ein massiver Eingriff in die Fischbiomasse, die an der Drau bei nur mehr 10 Prozent gegenüber Werten aus den letzten beiden Jahrzehnten steht.
Nicht der Vogel allein ist das Problem – sondern das gekippte System
Der Kormoran ist kein Hasenkopf-Kugelfisch. Er ist keine invasive Giftart, sondern ein natürlich vorkommender, geschützter Wildvogel. Genau deshalb wäre ein simples „Kopfgeld“ auf Kormorane weder politisch klug noch rechtlich sauber.
Aber der entscheidende Punkt ist ein anderer: In einer vom Menschen stark veränderten Landschaft gelten nicht mehr dieselben Regeln wie in einem natürlichen Flusssystem. Kommt dann ein hochmobiler, effizienter Fischjäger hinzu, kann aus natürlicher Prädation ein systemisches Problem werden.
Das ist der Kern der Debatte: Nicht der Kormoran ist „böse“. Aber ein geschwächter Fluss kann seinen Fraßdruck einfach nicht mehr ausgleichen.
Die Zahlen sprechen für Management, die Kormoran Population ist gewaltig
Europaweit ist der Kormoran längst kein Randphänomen mehr. BirdLife International schätzt die europäische Population auf 401.000 bis 512.000 Brutpaare, das entspricht rund 803.000 bis 1,02 Millionen reifen Individuen.
In Deutschland leben laut NABU rund 24.000 Brutpaare; nach der Brutzeit kommen zusätzlich Vögel aus nördlichen und östlichen Brutgebieten hinzu.
In Österreich ist der Kormoran als Brutvogel mit 103 bis 156 Brutpaaren vergleichsweise selten. Diese Zahl allein greift aber zu kurz, weil der Konflikt an Flüssen wie der Drau vor allem durch Wintergäste, Durchzügler und lokale Ansammlungen entsteht. In Wien haben 2025 z.B. 200 Kormoranpaare entlang der Donau und dem Donaukanal ein Durchreisequartier bezogen, in der Presse bejubelt, aber ohne jegliches Wissen um ihre Einwirkung auf den Fischbestand.
Kärnten geht voraus, die Jägerinnen und Jäger sollten mitziehen.
Auch das Land Kärnten arbeitet bereits mit Kontingenten: Für das Abschussjahr 2026 werden 460 Kormorane als Bestand genannt, das Abschusskontingent liegt bei 138 Individuen, also 30 Prozent.
Die Frage ist nur, ob sie konsequent genug, ökologisch wirksam gestaltet wird. Ein Problem dabei ist die Umsetzung: Für den „klassischen“ Jäger ist der Kormoran kein Wild, dem er gerne nachstellt, dabei fehlt es schlicht an Jagdgeschichte.
Es muss ein intensiver Austausch mit der „Fischerei“ entstehen, der über bloße Entschädigungen herausgeht, sondern ein gemeinsames Ziel im Schutz bzw. der Balance der heimischen Arten definiert.
Was Griechenland vormacht, muss uns nachdenken lassen
Der Hasenkopf-Kugelfisch ist der harte Fall: invasiv, giftig, ökologisch schädlich. Griechenland reagiert mit Fangprämien, weil reine Beobachtung nicht mehr reicht. Die Türkei hat laut Berichten bereits hunderttausende Exemplare entnommen; das Ziel ist nicht die vollständige Ausrottung, sondern die Begrenzung der weiteren Ausbreitung.
Daraus lässt sich für den Kormoran kein plumpes „Dann machen wir es genauso“ ableiten. Aber sehr wohl eine politische Logik:
Wenn eine Art durch Masse, Mobilität und Fraßdruck sensible heimische Bestände gefährdet, dann muss aktives Management möglich sein.Beim Hasenkopf-Kugelfisch heißt das: Prämie für Entnahme.
Beim Kormoran sollte es heißen: gezielte, wissenschaftlich dokumentierte Entnahme gegen Aufwandsentschädigung – aber auch aus einer gemeinsamen Überzeugung der Jagd und der Fischerei.
Keine Prämienjagd – sondern kontrolliertes Prädatorenmanagement
Der saubere Weg wäre ein Modell mit klaren Regeln: Entnahmen dort, wo Schäden oder ökologische Risiken nachgewiesen sind. In definierten Hotspots, mit jährlichen Kontingenten. Nur mit Meldepflicht, Monitoring und begleitender Auswertung. Und immer kombiniert mit Lebensraumverbesserung, Fischbestandskontrolle und Schutz sensibler Laich- und Jungfischbereiche.
Das wäre kein Feldzug gegen einen Vogel. Es wäre moderner Naturschutz in einer Kulturlandschaft.
Die Alternative wäre ideologisches Nichtstun. Und genau das ist in vielen Gewässern längst keine neutrale Haltung mehr. Denn Nichtstun bevorzugt nicht automatisch die Natur. Manchmal bevorzugt es schlicht jene Art, die mit den vom Menschen geschaffenen Bedingungen und Gesetzen am besten zurechtkommt. Das ist fern jeder Gerechtigkeit.
Das Fazit des River and Nature Trust, Peter Schröcksnadel:
„Griechenland zeigt mit dem Hasenkopf-Kugelfisch, dass Staaten handeln dürfen, wenn ökologische Systeme aus dem Gleichgewicht geraten. Österreich sollte daraus lernen. Der Kormoran ist kein invasiver Giftfisch, aber dort, wo er geschwächte Flüsse zusätzlich unter Druck setzt, braucht es ein rechtssicheres, wissenschaftlich begleitetes Prädatorenmanagement. Nicht als Strafe für den Kormoran. Sondern als Schutzprogramm für Äsche, Huchen, Nase, Bachforelle – und für die Balance der Arten.“
Quellen:
FAZ – Hasenkopf-Kugelfisch in Griechenland
Tagesschau / dpa – Fangprämie in Griechenland
Osttiroler Bote – Die Drau soll wieder lebendiger werden
Bundesministerium / LIFE-Projekt Obere Drau
Europäisches Parlament / EPRS Briefing 2026 – Kormoranmanagement
BirdLife International – Great Cormorant Factsheet
Quelle für europäische Bestandsangaben und internationale Einordnung des Kormorans.
BirdLife Österreich – Kormoran
NABU – Kormoran in Deutschland
Land Kärnten – Kormoranbestand und Abschusskontingent
RIS – Kärntner Tierartenschutzverordnung
Financial Times – europäische Debatte um Kormoranmanagement





