Die Fischereiverbände des Alpenraums schlagen gemeinsam Alarm. Steigende Temperaturen, Niedrigwasser und immer neue Eingriffe setzen Bäche und Flüsse unter Druck. Ihre Forderung ist unmissverständlich: mehr Renaturierung, mehr Restwasser, Schutz der letzten intakten Gewässer – und ein Ende neuer Kleinwasserkraftwerke in sensiblen Lebensräumen.
Es ist eine ungewöhnlich geschlossene Front. Fischereiverbände aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und Slowenien haben bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Fischereiverbände der Alpenländer, kurz ARGEFA, am 11. und 12. September in Innsbruck einen gemeinsamen Appell an Politik und Verwaltung gerichtet.
Die zentrale Botschaft: Unsere Flüsse brauchen wieder mehr Wasser, mehr Raum und mehr Natur.
„Die Klimakrise zeigt sich in unseren Gewässern bereits heute deutlich“, sagt ARGEFA-Präsident Sebastian Hanfland. Deshalb müsse jetzt konsequent gehandelt werden. Renaturierungen seien „kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in die Zukunft unserer Natur, unserer Wasserressourcen und unserer Gesellschaft“.
Nicht irgendwann – jetzt
Die Fischereiverbände beobachten Entwicklungen, die der River and Nature Trust seit Jahren thematisiert: steigende Wassertemperaturen, längere Niedrigwasserperioden, veränderte Abflussverhältnisse und Extremwetter treffen auf Gewässer, die vielerorts bereits reguliert, verbaut, aufgestaut oder ausgeleitet sind.Besonders empfindlich reagieren jene Fischarten, die kaltes und sauerstoffreiches Wasser benötigen – allen voran Bachforelle, Äsche und Koppe.
Wird im Sommer das Wasser knapp, kann aus einer bestehenden Belastung sehr schnell eine existenzielle Bedrohung werden. Weniger Wasser erwärmt sich schneller. In Restwasserstrecken können aus Bächen dann Rinnsale werden.
Gert Gradnitzer, Präsident des Österreichischen Fischereiverbandes und Vizepräsident der ARGEFA, sieht deshalb in naturnahen Gewässern einen wesentlichen Teil der Klimaanpassung: Renaturierte Bäche und Flüsse seien widerstandsfähiger gegen Extremereignisse, böten bessere Lebensbedingungen für die Biodiversität und erhöhten gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit der gesamten Landschaft.
Denn es geht längst nicht nur um Fische. Naturnahe Gewässer und Auen können Wasser zurückhalten, Landschaften kühlen, Grundwasserneubildung unterstützen und Hochwasserspitzen abmildern.
Tirol: 728 Kleinstanlagen – für weniger als vier Prozent
Besonders deutlich wird der Konflikt derzeit in Tirol.
Nach Angaben des Tiroler Fischereiverbandes gibt es im Bundesland knapp 1.000 Wasserkraftwerke. Mehr als 700 davon – konkret werden 728 Anlagen genannt – sind Kleinstanlagen. Zusammen erzeugen diese laut Fischereiverband weniger als vier Prozent des Tiroler Wasserkraftstroms.
Andreas Schiechtl, Landesobmann des Tiroler Fischereiverbandes, bringt die Kritik auf einen Satz:
„Der Eingriff ist maximal, der Nutzen minimal.“
Der Verband argumentiert, dass gerade kleinere Anlagen häufig dann viel Strom produzieren, wenn ohnehin ausreichend Wasser und Energie vorhanden sind. In Trockenperioden und im Winter hingegen sinkt ihre Produktion. Gleichzeitig werden Wasserableitungen mit fortschreitendem Klimawandel ökologisch immer problematischer.
Schiechtls Forderung lautet deshalb: Wer über Wasserknappheit rede, müsse auch über die vielen Ausleitungen aus den Bächen sprechen. „Alles andere ist eine halbe Debatte.“ Der Tiroler Fischereiverband fordert unter anderem Tabuzonen für letzte intakte Gewässer, an den Klimawandel angepasste Restwassermengen und sinnvollere Speicherlösungen.
Der Namloser Bach zeigt den Konflikt
Wie aktuell diese Diskussion ist, zeigt der Namloser Bach im Tiroler Lechtal. Dort wollen die E-Werke Reutte Wasser in Richtung Rotlech-Stausee ableiten.
Tirols Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer sieht dabei eine „rote Linie“ überschritten. Der Namloser Bach liege in einem Naturschutzgebiet und sei Teil eines europäisch bedeutsamen Referenz-Fließgewässersystems am Tiroler Lech. Kostenzer kündigte an, für die Unversehrtheit des Gewässers notfalls alle verfügbaren rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen.
Die E-Werke argumentieren dagegen, dass der ökologische Zustand des Namloser Bachs erhalten bleibe und durch das Gesamtprojekt rund 25 Gigawattstunden zusätzliche erneuerbare und speicherbare Energie pro Jahr erzeugt werden könnten.
Gerade dieser Konflikt zeigt, worüber künftig entschieden werden muss: Ist jedes zusätzliche Kilowatt Wasserkraft automatisch wichtiger als ein noch intakter Bach?
Die Forderungen gehen weit über Renaturierung hinaus
Die ARGEFA vertritt gemeinsam mehr als 500.000 Fischerinnen und Fischer. Ihr aktueller Forderungskatalog ist bemerkenswert konkret.
Die Verbände verlangen den Schutz natürlicher Fließgewässer und Ausschlussgebiete für neue Wasserkraftwerke in sensiblen Regionen. Renaturierungen von Flüssen, Bächen und Auen sollen wesentlich schneller umgesetzt, Barrieren beseitigt und Seitengewässer wieder angebunden werden. Ufervegetation soll verstärkt werden, um Gewässer natürlich zu beschatten. Auch in Trockenzeiten müsse ausreichend Wasser im Gewässer verbleiben. Darüber hinaus fordert die ARGEFA, bei Nutzungskonflikten die Wasserspeicherung für Lebensräume und Organismen stärker gegenüber wirtschaftlichen Interessen zu priorisieren.
Damit knüpft die aktuelle Erklärung an eine seit Jahren konsequent vertretene Position an. Die ARGEFA fordert unter anderem ein Ende des Schwellbetriebs, ausreichende Restwassermengen, Fischschutzanlagen, funktionierende Wanderwege sowie die Durchgängigkeit der Flüsse für Fische, Geschiebe und Sedimente. In einer früheren gemeinsamen Resolution verlangten die Verbände sogar ausdrücklich einen Stopp des Neubaus von Kleinwasserkraftwerken im Alpenraum und stattdessen die Modernisierung und Effizienzsteigerung bestehender Anlagen.
Renaturieren heißt widerstandsfähiger werden
Auch die europäische Politik setzt inzwischen auf Wiederherstellung. Österreich hat Anfang September seinen Entwurf für den nationalen Wiederherstellungsplan zur EU-Renaturierungsverordnung vorgelegt. Bis 2030 müssen auf mindestens 30 Prozent der von der Verordnung erfassten, wiederherstellungsbedürftigen Flächen Maßnahmen gesetzt werden; bis 2040 steigt dieser Anteil auf 60 Prozent, bis 2050 auf 90 Prozent. Flüsse und Auen gehören ausdrücklich dazu.
Für den River and Nature Trust ist deshalb klar: Renaturierung darf nicht zur Reparaturwerkstatt für Schäden werden, die gleichzeitig an anderer Stelle neu verursacht werden.Wir müssen bestehende Flüsse und Bäche verbessern. Wir müssen Wanderhindernisse beseitigen und zerstörte Lebensräume zurückbringen.Vor allem aber müssen wir die Gewässer schützen, die noch funktionieren.
Einen verbauten Bach kann man vielleicht später mit viel Geld teilweise renaturieren, einen intakten Bach nicht zu zerstören, ist einfacher.





