An der Dornbirner Ach, am Lustenauer Kanal, am Spirsbach und an der Leiblach beginnen umfangreiche Renaturierungen. Rund 29,3 Millionen Euro fließen in neue Fischlebensräume, kühlere Gewässer und naturnähere Ufer. Ein positives Beispiel – dessen Wirkung langfristig gemessen werden sollte.
Über viele Jahrzehnte galt für Flüsse und Bäche vor allem ein Ziel: Das Wasser sollte möglichst rasch und kontrolliert abfließen. Gewässer wurden begradigt, Ufer befestigt, Böschungen vereinheitlicht und natürliche Strukturen entfernt. Damit gingen jedoch auch Kiesflächen, beschattete Ufer, flache Randzonen und Rückzugsräume für Fische verloren.
Vorarlberg beginnt nun an vier Gewässern, einen Teil dieser Entwicklung umzukehren. Ab Herbst 2026 werden die Dornbirner Ach, der Lustenauer Kanal, der Spirsbach in Feldkirch und die Leiblach in Hörbranz auf insgesamt mehr als neun Kilometern ökologisch aufgewertet. Der Bund finanziert die Maßnahmen im Rahmen des Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplans zu 100 Prozent. Insgesamt werden rund 29,3 Millionen Euro investiert. Das ist mehr als eine landschaftliche Verschönerung. Es geht darum, aus technisch geprägten Gerinnen wieder widerstandsfähigere Lebensräume zu machen.
Fünf Kilometer neue Chancen für die Dornbirner Ach
Das größte Einzelprojekt betrifft die Dornbirner Ach. Auf einer Länge von knapp fünf Kilometern soll sie zwischen der Einmündung des Vorarlberger Rheintalbinnenkanals und dem Bereich der Kläranlage Hard revitalisiert werden.
Das bislang über weite Strecken geradlinige Bachbett wird aufgeweitet, die Böschungen werden abgeflacht und die Gewässersohle naturnäher gestaltet. Mehr als 200 Bäume und rund 1.000 Sträucher sollen entlang des Flusses gepflanzt werden. Raubäume, Steinbuhnen und eigens angelegte Fischbuchten schaffen zusätzliche Strukturen im Wasser und an den Übergängen zum Ufer.
Für diese Maßnahmen sind rund 15,7 Millionen Euro vorgesehen. Die Arbeiten beginnen im Herbst 2026 und sollen bis zum Frühjahr 2029 dauern. Eingriffe im Bachbett dürfen nur während der Niederwasserperiode zwischen Oktober und März vorgenommen werden.
Besondere Bedeutung hat die Dornbirner Ach für die Nase. Diese Fischart benötigt gut durchströmte Kiesflächen zum Laichen. Nach Angaben des Landes befindet sich in der Ach ihr größtes Laichgebiet in der Region. Die neuen Strukturen sollen daher nicht nur allgemein die Artenvielfalt erhöhen, sondern ganz konkrete Fortpflanzungs- und Rückzugsräume schaffen.
Schatten wird zum Überlebensfaktor
Eine zentrale Rolle spielt die Bepflanzung der Ufer. Bäume und Sträucher stabilisieren nicht nur Böschungen und schaffen Lebensräume für Vögel und Insekten. Ihre Kronen beschatten das Wasser und können damit den Temperaturanstieg während sommerlicher Hitzeperioden begrenzen.
Für viele heimische Flussfische ist das entscheidend. Mit steigender Wassertemperatur sinkt die Menge des gelösten Sauerstoffs. Gleichzeitig erhöht sich der Stoffwechsel der Fische. Sie benötigen mehr Sauerstoff, während ihnen weniger davon zur Verfügung steht. Besonders empfindlich reagieren Arten, die an kühle und sauerstoffreiche Fließgewässer angepasst sind.
Beschattung ist deshalb keine dekorative Ergänzung einer Renaturierung, sondern ein Teil der Klimaanpassung. Sie kann jedoch nur gemeinsam mit ausreichender Wasserführung, vielfältigen Strömungsverhältnissen, tiefen Rückzugsräumen und einer durchgängigen Gewässerstruktur wirken.
Drei weitere Gewässer werden aufgewertet
Am Lustenauer Kanal und am Spirsbach entstehen auf insgesamt rund 3,3 Kilometern neue Gewässerstrukturen. Vorgesehen sind aufgeweitete Bachläufe, flachere Böschungen, neue Fischlaichplätze und begleitende Bepflanzungen. Die Arbeiten sollen über zwei Niederwasserperioden laufen und voraussichtlich im Frühjahr 2028 abgeschlossen sein.
An der Leiblach wird ein rund 1,1 Kilometer langer Abschnitt renaturiert. Auch dort soll das Bachbett verbreitert und das Gewässer stärker beschattet werden. Die Bauzeit ist von September 2026 bis voraussichtlich Frühjahr 2027 angesetzt.
Für diese drei Projekte stehen insgesamt 13,6 Millionen Euro zur Verfügung: 5,7 Millionen Euro für den Lustenauer Kanal, 5,4 Millionen für den Spirsbach und 2,5 Millionen für die Leiblach.
Damit entsteht ein regionales Maßnahmenpaket, das unterschiedliche Gewässer nicht isoliert betrachtet. Genau darin liegt seine Stärke. Ökologisch funktionsfähige Flüsse brauchen ein Netz aus Laichplätzen, Nahrungsräumen, Rückzugsgebieten und passierbaren Verbindungen.
Renaturierung muss messbar werden
Der River and Nature Trust begrüßt Investitionen, die Flüssen wieder mehr Raum geben und neue Lebensräume für Fische schaffen. Entscheidend ist jedoch nicht allein, wie viele Bäume gepflanzt, Böschungen abgeflacht oder Millionen Euro verbaut werden. Entscheidend ist, was danach im Gewässer geschieht.
Erfolgreiche Renaturierung muss an ihrer Wirkung gemessen werden: Steigt die Zahl geeigneter Laichplätze? Kehren verschwundene Fischarten zurück? Verbessert sich die Altersstruktur der Bestände? Bleiben beschattete Abschnitte während Hitzeperioden tatsächlich kühler? Werden die neu geschaffenen Strukturen auch bei Hochwasser erhalten?
Wichtige Frage: Wie sieht das Prädatorenmanagemnet aus? Haben die Fische eine Chance auf eine Reproduktion aus eigener Kraft in ausreichender Zahl? Existiert die Cahnce auf eine Balance zwischen Fischen und Fischräubern?
Dafür braucht es eine fachlich solide Ausgangserhebung und ein langfristiges Monitoring. Nur der Vergleich vor und nach den Eingriffen zeigt, welche Maßnahmen funktionieren und wo nachgebessert werden muss. Die Vorarlberger Projekte sind eine positive Nachricht. Sie zeigen, dass Flussrenaturierung keine abstrakte Zukunftsvision bleiben muss. Wenn Finanzierung, Planung und politischer Wille zusammenkommen, können begradigte Gewässer wieder vielfältiger, kühler und lebendiger werden.
In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob Nase und andere Fischarten die neuen Lebensräume annehmen. Genau daran wird sich der Erfolg messen lassen: nicht an den Plänen und Visualisierungen, sondern am Leben, das in die Flüsse zurückkehrt.
Quellen zum Artikel
- Land Vorarlberg, Landeskommunikation: Renaturierungen an vier Gewässern in Vorarlberg, veröffentlicht am 18. Juni 2026.
- Land Vorarlberg: Die Dornbirner Ach wird revitalisiert.
- Marktgemeinde Lauterach: Renaturierung der Dornbirner Ach, veröffentlicht am 24. Juni 2026.
Die Angaben zu Projektlängen, Investitionssummen, Bauzeiten, Bepflanzungen und geplanten Fischlebensräumen stammen aus den Veröffentlichungen des Landes Vorarlberg und der Marktgemeinde Lauterach.

