Fisch des Jahres 2026: Der Schlammpeitzger – ein stiller Zeuge unserer Gewässer

Er lebt im Verborgenen, meidet das Licht und kommt meist erst nachts an die Oberfläche: Der Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) wurde zum Fisch des Jahres 2026 gewählt. Eine Entscheidungmit einer klaren Botschaft – über den Zustand unserer Gewässer und über jene Arten, die keine Stimme haben.

Der Schlammpeitzger ist kein Fisch der großen Flüsse.

Er bevorzugt langsam fließende oder stehende Gewässer, Altarme, Gräben, Teiche und Überschwemmungsflächen mit weichem, schlammigem Untergrund. Dort gräbt er sich ein, lebt zurückgezogen und zeigt eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit: Er kann Sauerstoffmangel überstehen, indem er Luft schluckt und einen Teil der Atmung über den Darm abwickelt. Was biologisch faszinierend ist, ist ökologisch zugleich ein Alarmsignal. Denn diese Fähigkeit macht ihn zum Überlebenskünstler in Lebensräumen, die längst an, oder sogar über der Belastungsgrenze sind.

Genau darin liegt seine Bedeutung als „Fisch des Jahres“.

Der Schlammpeitzger steht für Gewässer, die langsam verschwinden: strukturreiche Feuchtgebiete, periodisch überflutete Auen, naturnahe Gräben und Tümpel. Lebensräume, die in den letzten Jahrzehnten systematisch trockengelegt, begradigt, verbaut oder schlicht übersehen wurden. Wo der Schlammpeitzger verschwindet, ist meist nicht nur eine Art betroffen, sondern ein ganzes ökologisches Gefüge.

Heute gilt der Schlammpeitzger in vielen Regionen Österreichs als stark gefährdet oder bereits ausgestorben.

Die Gründe sind bekannt: Entwässerung, intensive landwirtschaftliche Nutzung, fehlende Durchgängigkeit, Schadstoffeinträge und der Verlust von Still- und Nebenarmen. Anders als bei prominenteren Arten gibt es kaum öffentliche Debatten, kaum Bilder, kaum Empörung. Genau das macht ihn zu einem Sinnbild jener Tiere unter Wasser, für die sich der River and Nature Trust einsetzt.

In unserem Credo geht es um Balance.

Nicht um einseitigen Artenschutz, nicht um Schlagworte, sondern um das Zusammenspiel von Lebensräumen, Artenvielfalt und Nutzung. Der Schlammpeitzger erinnert uns daran, dass Artenschutz nicht dort enden darf, wo es leise wird – nämlich genau dort muss man hingreifen! Er zeigt, dass Gewässerschutz mehr ist als der Bau von Fischaufstiegen an großen Flüssen – er beginnt im Kleinen, im scheinbar Unbedeutenden, im Graben am Feldrand und im vergessenen Tümpel hinter dem Damm.

Die Wahl zum Fisch des Jahres ist daher kein nostalgischer Rückblick, sondern ein Auftrag. Sie fordert dazu auf, wieder hinzusehen, wo wir über Jahrzehnte weggesehen haben. Sie macht deutlich, dass Biodiversität nicht nur dort stattfindet, wo sie sichtbar, fotogen oder politisch verwertbar ist. Sondern auch dort, wo das Leben unscheinbar ist – und gerade deshalb besonders schutzbedürftig.

Der Schlammpeitzger ist kein Symbol für unberührte Natur. Er ist ein Zeuge der Veränderung, ein Überlebender in Restlebensräumen. Dass er 2026 im Mittelpunkt steht, ist ein wichtiges Signal: für Bewusstseinsbildung, für differenzierten Naturschutz und für eine Debatte, die auch jene Arten einschließt, die keine Lobby haben.

Oder anders gesagt: Wer den Schlammpeitzger schützt, schützt mehr als einen Fisch. Er schützt das Gedächtnis unserer Gewässer – und ihre Zukunft.

In Österreich wird der Fisch des Jahres gemeinsam bestimmt von:

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